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13 September 2018

Wenn es ums Helfen geht, sagt sie nicht nein OstseeZeitung

Seit 20 Jahren steht Hildegard Hacker (79) an der Spitze des DRK-Ortsvereins in Sagard

Von Maik Trettin

Bild: DRK

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Sagard. "Mit mir nicht! Sucht euch dafür lieber 'ne Einheimische!" Den Posten, den man Hildegard Hacker beim DRK anbot, lehnte sie kategorisch ab. Sie war gerade erst mit ihrem Mann von Berlin in dessen Heimatort Sagard gezogen, wo beide in den Ortsverein des Roten Kreuzes eingetreten waren. Nun sollte sie gleich dessen Leitung übernehmen. "Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt", ist eine der Lebensweisheiten, die sie immer mal wieder lachend zitiert. Das bewahrheitete sich auch in diesem Fall: Seit nunmehr 20 Jahren steht die heute 79-Jährige an der Spitze der Sagarder Rotkreuzler.

Dabei sah ihre Lebensplanung ganz anders aus. "Wenn ich Rentner bin, lege ich endlich mal die Beine hoch!" Das erzählte die gelernte Friseurin jahrelang, wenn man sie wegen des auch körperlich harten Jobs nach einem langen Arbeitstag bedauern wollte. "Hildegard, wir müssen mal mit dir reden", begannen die Rotkreuzler bei einem Treffen der Frauensportgruppe in Sagard nachzufragen, ob sie sich zutrauen würde, den Vorsitz des Ortsvereins zu übernehmen. Den hatte nach dem Tod des Vorgängers kommissarisch gerade Dr. Broza inne.

Die Beine nicht hochzulegen und sich zu engagieren – das sei die richtige Entscheidung gewesen, sagt sie heute. Spätestens seit der Weihnachtsaktion 1998 war sie sich da sicher. "Als es um die Kinder und ums Helfen ging, konnte ich nicht nein sagen." Die Leser der OSTSEE-ZEITUNG und das DRK auf der Insel hatten zu Spenden für finanziell benachteiligte Mädchen und Jungen aufgerufen. Die Sagarder DRK-Mitglieder gehörten zu denen, die zu den Familien gingen und die Wünsche der Kleinen auf Zetteln notierten. Wenn sie sich heute daran erinnert, spricht sie leise und stockend.

"Dabei haben wir Menschen kennengelernt, mit denen viele im Ort nichts zu tun haben wollten." Menschen, die kaum etwas hatten, die sozial im Abseits standen. Hildegard Hacker hat diese "Überheblichkeit" der finanziell bessergestellten Mehrheit nie verstanden. "Man sollte immer für jeden Menschen ein nettes Wort übrig haben", lautet nach wie vor ihre Devise. Bei vielen Besuchen in den bedürftigen Familien habe sie sich an ihre Zeit als Flüchtlingskind erinnert, das von Niederschlesien nach Berlin und dann nach Potsdam-Babelsberg kam. Auch diese Menschen hatten materiell so gut wie nichts und dadurch oft das Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Diese Gedanken schossen ihr öfter durch den Kopf, wenn sie in den Familien zu Gast war, die zu den ärmsten des Dorfes gehörten. Hildegard Hacker muss schlucken, ihre Augen werden feucht, als sie von dem kleinen Mädchen erzählt, dem während der Aktion ein Wunsch erfüllt werden sollte. "Sie hatte nicht viel, bis auf ein kleines Armband mit Zuckerherzen, das nicht mehr komplett war. Bevor ich ging, hat sie es sich vom Arm gestreift und wollte es mir schenken – zum Dank." Zum Glück sei es in der Vorweihnachtszeit früh dunkel, sagt die 79-Jährige. "So manches Mal flossen bei mir die Tränen, wenn ich mich auf den Heimweg machte."

Die Arbeit mit den Kindern und für die Kinder ist nach wie vor das, was der Mutter und dreifachen Großmutter am meisten am Herzen liegt. Hildegard Hacker blättert in den Chroniken des Ortsvereins. Viele Bilder sind während der Kinderstunden entstanden, als die Sagarder DRK-Mitglieder mit den jungen Leuten bastelten, das Anlegen von Verbänden übten oder vieles andere mehr unternahmen. "Heute sind die Kinder von damals ja alle erwachsen. Aber wir freuen uns jedesmal, wenn wir uns irgendwo im Ort wiedersehen."

Die Kinderstunden gibt es heute nur noch in den Erinnerungen und Erzählungen der 18 Ortsvereinsmitglieder. Als kaum noch junge Leute kamen, strichen die Sagarder Rotkreuzler das Angebot aus ihrem Programm. Hildegard Hacker findet das schade – vor allem für die Kinder. "Das Interesse der Jugendlichen für Kameradschaft und Gemeinschaft müssen die Eltern in ihnen wecken. Die müssen das vorleben!" Um genau diese Punkte geht es heute vorwiegend bei den Treffen des DRK-Ortsvereins.

Dessen Mitglieder erledigen auch noch Einkäufe für gehbehinderte Nachbarn oder organisieren das Drumherum für die Blutspendetermine. Doch sie pflegen vor allem den Zusammenhalt in der Gruppe, der durch gemeinsame Ausflüge und andere Veranstaltungen in den zurückliegenden Jahren stark gewachsen sei, schätzt Hildegard Hacker ein. Ob sie das Ehrenamt noch einmal übernehmen würde, darüber hat sie nach privaten Schicksalsschlägen oft nachgedacht. Ihre Mitstreiter haben ihr Mut gemacht: "Du wirst doch wohl nicht aufhören!"