Palliative Begleitung braucht Zeit, Struktur und Vertrauen

Rituale geben Halt. In jeder Palliativ-Teamsitzung gedenkt das Palliativ-Team der Verstorbenen, die es begleiten durfte, als bewusster Moment des Abschieds, der Selbstfürsorge und der Achtsamkeit für die eigene Seele.

Die Begleitung von Menschen in ihrer letzten Lebensphase ist menschlich wie fachlich eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe. Um einen würdevollen Abschied zu ermöglichen und Pflegekräfte in diesen sensiblen Situationen gezielt zu entlasten, hat der DRK-Kreisverband Rügen-Stralsund e. V. im Jahr 2025 ein spezialisiertes, einrichtungsübergreifend arbeitendes Palliativ-Team aufgebaut.

Bedarfslage und konzeptionelle Impulsgebung

Sterbebegleitung war stets Teil der pflegerischen Arbeit in den Einrichtungen und wurde mit hoher Verantwortung umgesetzt. Gleichzeitig zeigte sich zunehmend, dass palliative Situationen besondere Anforderungen an Zeit, Zuwendung und fachliche Sicherheit stellen. Auch die Begleitung von Angehörigen lässt sich im regulären Schichtbetrieb nur begrenzt abbilden. Vor allem in personell schwächer besetzten Spät- und Nachtdiensten stießen Pflegekräfte an Belastungsgrenzen. Sinkende Fachkraftquoten und eine steigende Fluktuation verstärkten diese Entwicklung zusätzlich.

Überdies fehlten verbindliche Strukturen und eine systematische Vernetzung. Fachliche Kompetenz war vorhanden, jedoch nicht gebündelt. Zuständigkeiten waren nicht eindeutig geregelt und die Zusammenarbeit mit externen Partnern nur eingeschränkt etabliert. Es wurde deutlich, dass die palliative Versorgung dauerhaft strukturell verankert und gestärkt werden muss, ohne die bestehenden Pflegeteams weiter zu beanspruchen.

Einen entscheidenden Impuls für die konzeptionelle Weiterentwicklung lieferte ein Vortrag des Expertenteams Palliative Pflege der Alten- und Pflegezentren des Main-Kinzig-Kreises auf dem Altenpflegekongress im November 2023. Das dort vorgestellte Modell zeigte, dass palliative Begleitung einrichtungsübergreifend organisiert und fest in die Strukturen eines Trägers integriert werden kann. Diese Erkenntnisse bildeten die Grundlage für die weitere Ausrichtung im Kreisverband und führten zur Entwicklung eines eigenen strukturierten Ansatzes.


„Vielfalt war uns von Anfang an wichtig. In der Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen zählt, jeden so anzunehmen, wie er ist, und ihn ganzheitlich zu unterstützen, in enger Zusammenarbeit mit den Angehörigen.“
Anne Wedlich


Aufbauphase und Strukturbildung

Der Aufbau des Palliativ-Teams erfolgte schrittweise und orientierte sich eng am pflegerischen Alltag. Von Beginn an wurde entschieden, die Mitarbeitenden einrichtungsübergreifend einzusetzen und organisatorisch vom regulären Pflegedienst abzugrenzen, um die fachliche Ausrichtung zu sichern.

Zum 1. Januar 2025 übernahm Anne Wedlich die Leitung. Mit ihrer Erfahrung in der stationären und ambulanten Pflege sowie ihrer Qualifikation als Ethikberaterin verschaffte sie sich einen umfassenden Überblick über die Bedarfe. Gespräche mit Mitarbeitenden, Leitungen und Ärzten verdeutlichten insbesondere im Bereich der Begleitung von Bewohnerinnen, Bewohnern und Angehörigen Unterstützungsbedarf.

Der Start erfolgte in der Pflegeeinrichtung Bergen-Rotensee. Im Jahresverlauf wurde ein zentraler Stützpunkt in Binz eingerichtet und durch eine weitere Anlaufstelle in Bergen ergänzt. Parallel wuchs das Team. Zum 1. April 2025 kam eine Pflegefachkraft hinzu, zum 1. Oktober 2025 folgten zwei weitere Kolleginnen. Zum Jahresende bestand das Team aus vier Mitarbeiterinnen, zwei mit abgeschlossener Palliative-Care-Weiterbildung und zwei in Qualifizierung.

Die Aufbauphase wurde durch eine Startfinanzierung des Fördervereins für palliative Patienten Hilfe Hanau e. V. unterstützt. Auf Grundlage einer Kooperationsvereinbarung stellte der Verein dem DRK-Kreisverband Rügen-Stralsund e. V. für 2025 und 2026 insgesamt 28.522,33 EUR zur Verfügung. Diese Mittel ermöglichten Fortbildungen, notwendige Anschaffungen und eine zügige strukturelle Entwicklung.

Netzwerkarbeit und Kooperationen

Parallel wurde die Zusammenarbeit mit externen Partnern systematisch ausgebaut. Eine Hospitation in Hanau lieferte zusätzliche praxisnahe Impulse. Anschließend wurde das Angebot bei Hausarztpraxen, der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung in Stralsund sowie in regionalen Krankenhäusern vorgestellt. Die Kooperationen entwickelten sich schrittweise und konstruktiv.

Besonders vertrauensvoll ist die Zusammenarbeit mit dem ambulanten Hospizdienst in Bergen. Ehrenamtliche Sterbebegleitungen werden durch das Palliativ-Team koordiniert und fachlich begleitet. Regelmäßige Treffen dienen der Fallreflexion und Weiterentwicklung.

Überdies besteht ein Austausch mit Einrichtungen wie Kervita in Stralsund, dem DRK-Kreisverband Mecklenburgische Seenplatte sowie Vertreterinnen und Vertretern der Caritas. Auch die Vernetzung mit den Kirchengemeinden der Insel Rügen ist etabliert. Katholische und evangelische Geistliche begleiten Bewohnerinnen und Bewohner auf Wunsch seelsorgerisch.

Arbeitsweise

Das Palliativ-Team ist in allen sechs Pflegeeinrichtungen des Kreisverbandes tätig. Jede Einrichtung verfügt über feste Ansprechpartnerinnen, wodurch Verlässlichkeit und transparente Kommunikation gefördert werden. Ein zentrales Element ist der Einzugsbesuch. Einige Wochen nach der Aufnahme stellt sich das Team vor und erfasst gemeinsam mit Bewohnerinnen, Bewohnern und Angehörigen individuelle Wünsche, Biografien und Einstellungen.

Die Einsätze werden wöchentlich geplant und ausgewertet. Auf kurzfristige Anfragen wird bedarfsgerecht und zeitnah reagiert. Seit November 2025 besteht eine Rufbereitschaft an Werktagen sowie eine durchgehende Erreichbarkeit am Wochenende. Damit steht erstmals im gesamten Kreisverband eine palliative Ansprechpartnerin rund um die Uhr zur Verfügung und schafft Sicherheit für Pflegekräfte, Angehörige sowie Hausärztinnen und Hausärzte.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Qualifizierung und Beratung. Im Jahr 2025 wurden 23 Schulungen zur Sterbebegleitung durchgeführt, insbesondere für Pflegehilfskräfte und Quereinsteigende. Die Veranstaltungen finden in kleinen Gruppen statt und bieten Raum für Austausch und Reflexion. Angehörige werden durch Informationsangebote und Gespräche einbezogen, um einen offenen Umgang mit Themen der letzten Lebensphase zu fördern.

Bewusst gestaltete Abschiedsrituale würdigen die Verstorbenen und stärken zugleich die seelische Stabilität der Mitarbeitenden. Ethische Fallbesprechungen finden statt, wenn der Wille einer Bewohnerin oder eines Bewohners in Entscheidungssituationen nicht eindeutig erkennbar ist. Diese strukturierte Beratung dient zur Findung eines ethisch vertretbaren und fachlich einwandfreien Weges für das weitere Handeln aller Beteiligten, welcher insbesondere den mutmaßlichen Willen des Bewohners in den Fokus setzt.

Fazit

Mit dem Aufbau des Palliativ-Teams hat der DRK-Kreisverband Rügen-Stralsund e. V. einen wesentlichen Entwicklungsschritt vollzogen. Die palliative Haltung ist im Alltag sichtbarer geworden, verbindliche Strukturen sind entstanden und die Begleitung am Lebensende wurde nachhaltig gestärkt. Bewohnerinnen und Bewohner, Angehörige sowie Mitarbeitende erfahren verlässliche Unterstützung in einer sensiblen Phase. Das Palliativ-Team ist heute ein fachlich fundierter und menschlich zugewandter Bestandteil der stationären Versorgung.